Multiple Sklerose – eine Krankheit mit 1000 Gesichtern

Active nerve cells

Multiple Sklerose, abgekürzt MS, ist eine Krankheit, bei der Schädigungen im zentralen Nervensystem (ZNS) auftreten. Andere Bezeichnungen sind Polysklerose, aus dem griechischen polys für viel und skleros für hart, oder Enzephalomyelitis disseminata (ED).

In Deutschland ist Multiple Sklerose nach Epilepsie die zweithäufigste entzündliche Erkrankung des Nervengewebes, mit der etwa 120.000 Menschen in Deutschland leben.

Betroffen ist die sogenannte weiße Substanz, in der auf Grund eines Angriffs von körpereigenen Abwehrzellen entzündliche Herde entstehen. Wegen dieser zerstörerischen Reaktion auf das eigene Gewebe, nämlich die Myelinscheiden, zählt die Multiple Sklerose zu den Autoimmunerkrankungen. Da diese Herde im gesamten ZNS auftreten können, ist das klinische Bild sehr vielfältig: sowohl bezüglich der in Mitleidenschaft gezogenen Areale, als auch den Verlauf betreffend. Aus diesem Grund wird die MS auch als Erkrankung mit den tausend Gesichtern bezeichnet.

Weiterführende Informationen:

Das Zentrale Nervensystem – ZNS

Zum zentralen Nervensystem gehören das Gehirn, das Rückenmark und die Sehnerven. Als Schaltstelle unseres Denkens, Fühlens und Handelns ist das ZNS in eine Vielzahl von Abläufen und Funktionen involviert. Im Gehirn ist das Großhirn für die Motorik, also die Bewegungen, und das Gefühlsempfinden verantwortlich. Das Kleinhirn leistet seinen Beitrag zur Feinmotorik, zur Koordination und der Geschicklichkeit. Weitere Funktionen werden vom Hirnstamm umgesetzt: das Zusammenspiel verschiedener Organsysteme, wie z.B. innerhalb der Regulation der Atmung, des Herzschlages, des Blutdrucks oder der Körpertemperatur. Das Rückenmark, im inneren der Wirbelsäure und mit einer schützenden Flüssigkeit, dem Liquor, umspült, leitet die Informationen vom Gehirn zum Körper und umgekehrt.

So werden die vielfältigen Aufgaben im ZNS umgesetzt

Aufbau einer NervenzelleZwei spezielle Fortsätze der Nervenzelle spielen bei der Informationsweiterleitung eine wichtige Rolle. Die Dendriten (griechisch: dendrites = zum Baum gehörend) nehmen die Reize auf, die Axone sind für die Weiterleitung von Nervenzelle zu Nervenzelle verantwortlich. Als Kontaktstelle zwischen den Nervenzellen fungieren die Synapsen. Die Axone sind spiralförmig von einer Isolierschicht umgeben, der Myelinschicht, auch Markscheide genannt. Sie besteht aus Eiweiß und einem relativ hohem Anteil von Lipiden (Fetten), wodurch sie sich als weiße Substanz darstellen. In Abgrenzung dazu gibt es die graue Substanz, die die Gebiete im ZNS umfasst, die aus Zellkörpern bestehen und wenig Myelin enthalten. Die Myelinschicht der Axone ist zwischendurch von Einschnürungen unterbrochen. Bei der Übertragung von Signalen sorgen sie dafür, dass sich die Erregung sehr rasch, von einer Einschnürung zur nächsten, fortpflanzt.

Bei der MS Erkrankung wird diese Myelinschicht zerstört und es bildet sich an ihrer Stelle ein verhärtetes Narbengewebe eine sogenannte Sklerosierung. Kennzeichnend für MS sind Entzündung, die Schädigung der Myelinscheide und die Vernarbung (Gliose). Die Axone werden somit strukturell verändert und in ihrer Funktion beeinträchtigt.

Ursachen für Multiple Sklerose weitgehend unbekannt

Weltweit wird zu den Ursachen der Erkrankung geforscht. Dennoch gibt es noch keine Hinweise darauf, welche Prozesse die Grundlage für die Fehlregulation in der Immunabwehr ist, die schließlich zu den Entzündungen und den Veränderungen der axonalen Signalübertragung führt. Am wahrscheinlichsten ist das Zusammentreffen mehrerer verschiedener Faktoren. Die Fehlregulation innerhalb der körpereigenen Abwehr könnte durch eine Infektion mit Erregern verursacht worden sein, deren Strukturen Ähnlichkeiten mit den eigenen aufweisen. Herpes-, Epstein-Barr- und Masern-Virus sowie Chlamydien werden in diesem Zusammenhang verdächtigt. Der Körper bildet zur Abwehr Antikörper, die auch gegen eigene Strukturen bzw., Zellen gerichtet sind und die im Blut verbleiben. Bei MS wird das Nervengewebe auf diese Weise geschädigt.

Umweltfaktoren und Gene

In wissenschaftlichen Studien konnte gezeigt werden, dass Verwandte von Patienten mit MS ein deutlich höheres Risiko aufweisen, ebenfalls an ED zu erkranken. Das spricht für genetische Faktoren, die mitverantwortlich am Ausbrechen der Krankheit sind, obwohl MS nicht zu einer klassischen Erbkrankheit zählt. Auch scheinen Umweltfaktoren bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle zu spielen. Diese Erkenntnis wurde abgeleitet aus der Tatsache, dass es Regionen mit einer erhöhten Erkrankungsrate zu geben scheint. Die höchste Erkrankungsrate wurde nördlich von Schottland gefunden, eine Häufung in den kühleren Klimazonen.

Verlauf der Krankheit

Bei Kindern und Jugendlichen und beim größten Teil der erwachsenen Patienten verläuft die Krankheit von Beginn an in Schüben. Das heißt, zwischen den Schüben gibt es Phasen, in denen die Beschwerden zurückgehen. Bei einigen Erwachsenen zeigt die Erkrankung einen zunehmend schwereren Verlauf. Die Symptome treten nicht schubweise auf, sondern kontinuierlich und schwererer. Dies findet man bei Kindern nur in weniger als drei Prozent der Fälle.

Schubförmiger Verlauf mit nachlassenden Beschwerden

In über 80 Prozent der MS-Fälle im frühen Stadium verläuft die Erkrankung schubweise, als schubförmig remittierende Multiple Sklerose, bei der sich die Ausfallerscheinungen dann wieder zurückbilden. Die Schübe dauern Tage oder Wochen an. Danach kommt es innerhalb von Wochen und Monaten zu einer Rückbildung der körperlichen Schäden. Nach 10 bis 15 Jahren, also ab einem bestimmten Punkt der Krankheit, kann diese in eine sekundär chronisch-progrediente Form übergehen, das heißt, dass die Beschwerden langsam stärker werden. Die neurologischen Schäden nehmen dann zu und die Rückbildung bleibt aus.

Wie lange dauert ein MS-Schub?

Vom Auftreten eines Schubes kann man ausgehen, wenn sich neue Krankheitszeichen unabhängig von Fieber oder einer Entzündung entwickeln oder Beschwerden wieder auftreten, die sich bereits zurückgebildet hatten und diese dann länger als 24 Stunden anhalten.

Ein Schub bildet sich nach einigen Tagen bis spätestens acht Wochen vollständig zurück und tritt erst nach frühestens einem Monat wieder auf. Eine genauere Einschätzung der Dauer ist nicht möglich. Nur in sehr wenigen Fällen bleiben die Beschwerden während eines Schubs länger als sechs Monate bestehen und bilden sich nicht komplett wieder zurück.

Voranschreitender Verlauf mit zunehmend stärkeren Beschwerden

In einigen wenigen Fällen, bei etwa 15 Prozent der Patienten, ist ein chronisch-voranschreitender Verlauf zu verzeichnen. Das heißt, die Erkrankten erleben keine Schübe, sondern einen schleichenden Prozess mit immer stärker werdenden Beschwerden. Betroffen sind eher Menschen ab dem 40. Lebensjahr. Die neurologischen Defizite entwickeln sich schneller bezogen auf den Zeitpunkt des Auftretens der ersten klinischen Anzeichen.

Prognose und Komplikationen bei MS

Eine der gefürchteten Aussichten für die Erkrankten ist es, Jahre des Lebens im Rollstuhl zu verbringen. Doch Studien zeigen, dass sich die Situation in den letzten Jahren sichtbar gebessert hat. Nur für einen geringeren Teil der Patienten ist die Prognose so ungünstig. Im Durchschnitt sind die Betroffenen erst nach zwanzig bis dreißig Jahren auf dieses Fortbewegungsmittel angewiesen. Im Alter von 50 bis 60 Jahren sind noch etwa die Hälfte der an MS Erkrankten in der Lage, ohne Gehhilfe eine Strecke von hundert Metern zurückzulegen. Die Prognose im Einzelfall ist jedoch schwer abzuschätzen.

Anhaltspunkte für eine Prognose

Eine größere Anzahl von Schüben, die von starken Beschwerden begleitet sind und bereits zu Beginn der Krankheit auftreten, sprechen für einen eher schweren Verlauf. Günstigere Verläufe wurden häufiger bei Frauen als bei Männern registriert. Weitere günstige Faktoren scheinen ein Erkrankungsalter unter 40 Jahren zu sein (außer im Kindesalter), ein Krankheitsbeginn mit nur einem Symptom bzw. einer Sehnervenentzündung (Optikusneuritis), einer vollständigen Erholung nach dem ersten Schub, große Abstände zwischen den Schüben sowie wenige nachweisbare Läsionen im MRT-Befund zu Beginn der Erkrankung. Die Lebenserwartung hängt vom Verlauf und dem Alter bei der Diagnose ab. Bei jüngeren Patienten verkürzt sich die Lebenserwartung um etwa sechs bis sieben Jahre.

Komplikationen verkürzen die Lebenserwartung

Im fortgeschrittenen Stadium treten häufig lebensgefährliche Komplikationen auf. Zu ihnen gehören Nieren- und Lungenerkrankungen, in der schweren Form als Nieren- und Lungenversagen oder Blutvergiftung (Sepsis) oder Unfälle infolge der körperlichen Ausfälle. Einige Patienten entwickeln schwere Depressionen und sterben auf Grund eines Suizids.

Risikofaktoren

Belegbare Theorien zur Krankheitsentstehung gibt es noch nicht, dennoch werden sie als Risikofaktoren diskutiert. Ein niedriger Vitamin D Spiegel im Kindesalter steht im Verdacht, zu einem erhöhten Erkrankungsrisiko zu führen. Günstig scheint es zu sein, mit vielen Geschwistern aufzuwachsen, die dafür sorgen, dass sich das Immunsystem sehr früh gegen verschiedene Erregern wehren muss.

Ist die Krankheit ausgebrochen, gibt es verschiedene Faktoren, die Schübe fördern. Zu ihnen gehören Stress, Schwankungen im Hormonhaushalt, wie sie in der Pubertät und in den Wechseljahren auftreten, Virusinfektionen, z. B. Grippe, bestimmte Präparate zur Hyposensibilisierungstherapie bei Allergien sowie bestimmte Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen.

MS ist kein Muskelschwund

17171Die Abkürzung MS birgt die Gefahr der Verwechslung mit Muskelschwund (Muskeldystrophie), einer Erkrankung, die sich stark von Multiple Sklerose unterscheidet. Bei einer Muskeldystrophie handelt es sich um eine krankheitsbedingte Schwächung der Muskulatur, ohne dass der Begriff klärt, ob sie durch die Muskulatur selbst oder das Nervengewebe verursacht wird. Bei dieser weitaus selteneren Erkrankung liegen Stoffwechselerkrankungen oder Entzündungen der Muskeln vor. Häufigste Form ist die Muskeldystrophie vom Typ Duchenne, die sogenannte manigne (also bösartige) Muskeldystrophie die bereits im Kleinkindalter auftritt und schnell voran schreitet, sodass das betroffene Kind sehr schnell auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Die benigne, das heißt gutartige, Muskeldystrophie vom Typ Becker-Kiener entwickelt sich dagegen langsamer. Generell ist die Muskeldystrophie erblich bedingt, Gendefekte verursachen einen Eiweißmangel, der im Verlauf zu Deformationen führt.

Stand 04.09.2014